UnternehmenRegion Consulting

Sozialraumentwicklung durch Partizipation

aNFÜHRUNGSZEICHENBeratung braucht Qualität
 10 Argumente für die Beraterwahl  Pfeil
April 2012
zurück zur Übersicht

Jedes Gemeinwesen besteht aus verschiedenen Sozialräumen, unter denen kommunale Lebensräume verstanden werden, die charakteristische kulturelle und soziologische Eigenschaften besitzen. Sie vereinigen unterschiedliche Lebensbedingungen und Lebensformen und prägen soziale Milieus, in denen Menschen lokal oder regional zusammenleben. Es handelt sich also um Lebensräume, in denen sich alle gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse widerspiegeln. Die Bevölkerungszusammensetzung, die vorhandene Infrastruktur im Bereich der Wohnbebauung, zum Arbeiten, Einkaufen, für Freizeit, Sport, Kultur und Gastronomie oder Veranstaltungen bestimmen wesentlich über das Image und den Lebenswert dieses Raumes, über die in ihm wirkenden Kulturen, Work-Life-Balance, Freizeitgestaltung und soziale Interaktion mit.

Angesichts der jahrelangen Sparmaßnahmen in öffentlichen Haushalten ist es um viele Sozialräume in Städten derzeit nicht gut bestellt. Hinzu kommen gesellschaftliche, arbeitsmarkt- und sozialpolitische sowie demographische Bedingungen, die wie der Wettbewerbsdruck zwischen Standortenals Beschleuniger einer gefährlichen Sozialentwicklung wirken. Abbau von öffentlichen Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Verlust von wohnortnahem Arbeiten und Einkaufen, Entstehung seelenloser Schlafstädte und die Tendenz zu zunehmender sozialer Abgrenzung zwischen Bevölkerungsgruppen (soziale Ghettoisierung) lassen ganze Stadtviertel ihren Lebenswert und ihr Image verlieren. Die Perspektivlosigkeit verstärkt sich, wo die Strukturen für bürgerschaftlichen Dialog, sozialen Zusammenhalt, Identitätsgefühl mehr bestehen und Regionalkultur verloren geht. Beispiele zeigen, dass dadurch eine Abwärtsspirale nach der Broken-Windows-Theorie in Gang gesetzt werden kann: die weitere Entsolidarisierung, infrastrukturelle Verkarstung, Rückzug von öffentlichen Dienstleistungen, sinkende Wirtschaftskraft, steigende Transferleistungen, höhere Kriminalität und nicht mehr kontrollierbare Parallelgesellschaften sind Folgen, die das gesamte Stadtimage mitprägen.

Insbesondere in Städten mit struktureller Lücke zwischen hohen Sozialkosten und geringer Wirtschaftskraft eskaliert das Problem. „Gammeliger Westen, strahlender Osten: Bürgermeister klagen über den Verfall ihrer Städte und den Luxus im Osten“ titelte kürzlich die Welt am Sonntag und DER SPIEGEL diskutierte, welche Gruppen in welcher Form wo in Deutschland noch „Heimat“ empfinden. Der einstige Nachholbedarf für den Wiederaufbau ostdeutscher Städte hat sich mittlerweile vielfach zu Vorsprung gegenüber den westdeutschen Kommunen entwickelt. Obwohl die sozialen Lasten durch gestiegene Bevölkerungszahlen sowie Migration, Arbeitslosigkeit, wirtschaftlichen Strukturwandel deutlich gestiegen sind, wurden im Westen notwendige Strukturreformen und Infrastrukturinvestitionen häufig aufgeschoben worden. Auch im Bereich der Sozialraumentwicklung wurde gespart: dem gesellschaftlichen Wandel entsprechende wichtige identitätsbildende Maßnahmen zur Förderung von Kultureinrichtungen und -veranstaltungen, Soziokultur, Sportinfrastruktur, oder Vereinsaktivitäten sowie Stadtbildpflege wurden minimalisiert.

Diese Entwicklung ist riskant, weil sie Grundelemente des zivilisierten Zusammenlebens und den Lebenswert einer Kommune schwächen. Es genügt nicht, gute Wirtschaftsförderungs­bedingungen, Verkehrsinfrastruktur, Umweltzonen, Bildungseinrichtungen, schnelles Internet oder Kinderbetreuungen für sorglose Berufstätigkeit der Eltern vorzuweisen – gerade für die Generation Facebook ist angesichts von Trends wie Entgrenzung der Arbeit, Auflösung der Familienstrukturen oder gesellschaftlicher Singularisierung die Verfügbarkeit von klassischen sozialen Netzen und Kommunikationsmöglichkeiten in einem bürgerlichen „Heimatkietz“ von hoher Bedeutung für das reale Leben. Eine technokratische Betrachtung von Gemeinwesen unterschätzt die sozialen Funktionen einer intakten Stadtteil-Kultur. Der Rückzug aus der Förderung von Soziokultur, Sport oder städtischem Grün ist ein guter Indikator für den schleichenden Verlust von Kommunikation, Kreativität und Solidarität in einem Stadtteil und das Anwachsen von Anonymität, sozialer Isolation, Vorurteilen, Gewalt, Mobbing und Identitäts- und Imageverlust. Die direkten und indirekten Kosten einer Reparatur der sozialen Funktionen von Sozialräumen für verkommene Stadtteile geraten dann rasch außer Kontrolle.

Wie kann mit dieser Analyse umgegangen werden – insbesondere, wo schon erste Nagativtendenzen erkennbar sind? Da gerade in Großstädten die Strukturen sehr komplex sind und viele Faktoren hineinspielen, sind Planer oft mit gesamtstädtischen Aufgaben überfordert; erforderlich sind kleinere Untersuchungseinheiten: wie in ländlichen Gebieten „Dorfmoderationen“ oder regionale Entwicklungskonzepte für Gebiete ab 10.000 Einwohner sinnstiftend sind, können in Großstädten auch mehrere sinnvoll abgegrenzte Stadtteil-Projekte entwickelt werden.

Problemlösungen sind nicht standardisierbar, sondern müssen spezifisch in lokalen Planungen erarbeitet werden. Ein Weg zur erfolgreichen Bewältigung dieser kommunalen Herausforderungen ist die Einleitung eines Bürgerbeteiligungsverfahrens zur Formulierung eines Leitbildes und praktischer Standortentwicklungsprojekte als Maßnahme zur

  • Bildung von interkulturellem Verständnis, mehr Kohäsion und demokratischer Teilhabe für unterschiedlichen Anspruchsgruppen,
  • Konsensbildung über einen Masterplan für die künftige Sozialraumraumentwicklung,
  • Entwicklung von in die Breite getragenen Projekten zur regionalen Profilbildung,
  • Anleitung vertikaler und horizontaler Kooperationen.

Partizipationsprozesse erklären pragmatisch, welche Vorzüge oder Nachteile, welche Potentiale oder Defizite der Standort hat und verbessern damit die Platzierung von Investitionsvorhaben, Projekten oder Standortentscheidungen. Die dabei grundlegende Leitbildentwicklung muss praxisnah sein und sollte sich als Mediation heterogener Anforderungen verstehen. Sie ist die Voraussetzung für einen konkreten Maßnahmenplan als kommunale Entscheidungsbasis für die optimierte Sozialraumplanung, in der die neue Lebenswelt machbar-visionär abgebildet und mit realisierbaren Projekten und Handlungsempfehlungen ausgearbeitet wird.

Erfolgsentscheidend ist allerdings, dass der Sozialraumentwicklungsprozess als partizipatives, kooperatives Moderationsverfahren unter Einbeziehung aller Kräfte und Köpfe des Gemeinwesens geplant wird. Dieses dient

  • der aktiven Beschäftigung der Bürger mit ihrem eigenen Lebensumfeld,
  • der Förderung von Identifikation und Verantwortungsgefühl und Engagement,
  • als soziale Präventionsmaßnahme für die Erkennung und Verhinderung von Abwärtsentwicklungen,
- um Bewusstsein für das demokratische und kultivierte Miteinander zu pflegen,
- um Entwicklungsempfehlungen an die öffentliche Verwaltung zu geben,
- um lokale Projekte und Entwicklungsvorhaben in Selbsthilfe zu initiieren.

Die Aufgabe der Beratung im Sozialraummanagement ist es, diesen Diskussions- und Entwicklungsprozess außerhalb der Verwaltungsstrukturen zielführend zu steuern und auch in schwierigen Räumen mit heterogenen Anspruchsgruppen einen konsensfähigen Entwicklungsprozess in Gang zu setzen, in dem

  1. ein charakteristisches Profil auf Basis von vorhandenen Potenzialen entwickelt wird, das Identität und Wettbewerbsfähigkeit gibt,
  2. eine querschnittsorientierte Zusammenarbeit aller bürgerschaftlichen Gruppen angeleitet wird und lokale Netzwerke für gemeinsame Projekte und Nutzung von Synergien zwischen den Leistungsträgern initiiert werden.

Ein solches „Bürgerforum“ sollte 5-10 Monate nicht übersteigen. Am Anfang stehen Moderationstechniken zum Kennenlernen der Akteure und die gemeinsame Analyse der Lebensräume, lokalen Milieus, Zusammenhänge zwischen Infrastruktur, Arbeitswelt und Wohlbefinden, Zukunftsfähigkeit bzw. Spannungen im Rahmen von gesellschaftlichen Entwicklungen. Es folgt eine Kreativphase zum Entwurf der Zukunft und praktischer Projekte. Praktisches Arbeitsergebnis ist ein im Konses verabschiedeter und von gewählten Gremien bestätigter Maßnahmenkatalog mit Prioritäten nach Kosten-Nutzen-Abwägung, konkreten Handlungsempfehlungen und Festlegung von Verantwortlichkeiten. Dieser gibt der Kommune als lokales Handbuch Planungssicherheit und leitet in die praktische Umsetzung über.

Erfahrungen zeigen, dass das Partizipationsverfahren ein sehr effizientes und kostengünstiges Instrument ist, Sozialräume durch Einbeziehung von Eigenverantwortung vor Ort positiv zu entwickeln. Die soziale Präventionswirkung des Moderationsprozesses ist enorm, wenn den Menschen Perspektive und Spaß am gesellschaftlichen Engagement in ihrem Lebensbereich gegeben wird und kooperativ konkrete Initiativen zur strukturellen Verbesserung angestoßen werden. Nicht zuletzt wird auch der demokratische Dialog mit Politik und Verwaltung erheblich verbessert oder erstmals ermöglicht. 

Für das politische Handeln zeugt es von Verantwortungsbewusstsein für nachhaltige Entwicklungen und klugem wirtschaftlichem Planen, sich multiperspektivisch an verschiedenen Kreisen des Gemeinwesens zu orientieren, sich externen Sachverstand zu sichern und Entscheidungen vorzubereiten, die von einem breiten Konsens bestimmt sind.

Prävention in der Sozialraumentwicklung?

Urbanes Leben ist zu einem äußerst komplexen und heterogenen sozialen Gefüge geworden, in dem unterschiedlichste Identitäten und Lebensformen einander begegnen. Grundlagen des funktionierenden Gemeinwesens sind Identifikation, Werte und Regeln des Zusammenlebens, soziale Interaktion und die gemeinsame Verfolgung von Entwicklungszielen. Dafür sind Großstädte aber oft zu unübersichtlich geworden und die gesellschaftliche Solidarität nimmt ab. Die Folgen sind oft dramatisch und belasten das Sozialwesen erheblich. Die Konzeption und Moderation kleinteiliger Entwicklungsprojekte zur Aktivierung von bürgerschaftlichem Engagement in lokalen Entwicklungsprojekten verfügt über eine nachhaltige soziale Präventionswirkung.

Veröffentlichung für den Städte- und Gemeindebund Nordrhein-Westfalen

"Über Mitsprache zur Stadtteil-Kultur" ist der Titel einer Veröffentlichung von Wolfram Schottler in der Monatszeitschrift "Städte- und Gemeinderat" des Städte- und Gemeindebundes Nordrhein-Westfalen. Gerade in Zeiten knapper Kassen benötigen die unterschiedlichen Sozialräume einer Stadt Unterstützung zur Prävention von sozialem Niedergang, die am besten durch moderierte Bürgerbeteiligung geleistet werden kann.

Städte- und Gemeindebund NRW  Download (1,6 MB)   
_______________________________
Literaturtipp:
Wolfram Schottler: "Das gesunde Gemeinwesen - nachhaltige Kommunalentwicklung" in der Reihe
"Die neue Führungskunst – The new Leadership, 2012 Symposium Verlag Düsseldorf
Die neue Führungskunst
_______________________________
Weiterer Lesebeitrag:
Sozialraumanalyse und -management Pfeil